Hüter der vergessenen Schätze

Migros-Magazin, 23. November 2015. Text: Joel Bedetti. Bilder: Holger Salach.

Ob legendäre Rennvelos, technische Raritäten, Möbel oder Kleider: Bei Martin Skripsky, Erich Bindschädler und Hanni Weber finden Kenner kleine und grosse Preziosen aus längst vergangenen Zeiten.

Hier gehts zum PDF: Migros-Magazin_Hueter der verlorenen Schaetze

Der Wert, den eine ­Gesellschaft ihren Überbleibseln beimisst, ­ändert sich mit den Jahren. Die ersten Brocken­häuser, die vor rund einem Jahrhundert entstanden, dienten dazu, die Armen mit günstigen Kleidern und ­Möbeln zu ver­sorgen. In der Nachkriegszeit deckte sich der wachsende Mittelstand in den neuen Möbelhäusern ein, die «Brockis» drohten unterzugehen. Erst in jüngster Zeit erleben sie ein Comeback: Studenten und Sammler stöbern auf Flohmärkten nach Fund­stücken, die ihre Garderobe oder Wohnung aufhübschen sollen.

Der Retrokult ist längst Teil unserer Alltagskultur. Das Zürcher Museum für Gestaltung ­lancierte kürzlich eine Vintage-­Ausstellung. Das Schweizer Fern­sehen produzierte im Frühling eine Sendung namens «Die Brocki-Profis», und auf dem Lokalsender «Züri­Plus» präsentiert ­Erich Bindschädler (Seite 27) jede Woche einen ­neuen Gegenstand aus seinem Sammelsurium.

Vom Aussterben bedroht

Aktuell verkaufen sich Möbel und Kleider aus den 60ern und 70ern, die lange vor sich hin ­moderten. Dagegen ist der Antikmarkt völlig eingebrochen. «Die Jungen wollen kein schnörke­liges Zeugs mehr», sagt Markus Good (60) vom Brocki Pfannenstil ZH. Einige Brockenhäuser ­werden zu Vintage-Boutiquen. Sie stellen weniger Gegenstände aus, dafür ausgewählte. Gleichzeitig ist ihr Einkauf schwieriger geworden, viele Boutiquen und Sammler reissen sich um die schönen Zeitzeugen. Olivier Kath­riner (33), ein ehemaliger Heils­armee-Brockenhaus­manager, der in Bern einen gros­sen Vin­tageladen führt, meint, dass seine Branche sowieso dem Untergang geweiht sei: «Die Generation, die ihre Sachen in guter Qualität kaufte, stirbt aus. Was wird von der ­Generation unserer Eltern und von uns übrigbleiben? Conforama- und Ikea-Möbel, die niemand will.» Doch bevor es so weit ist, tauchen wir in die Schatz­­kammern von drei passionierten Sammlern ein.

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Die Alles-Sammlerin

Hanni Weber lebt auf einem idyllischen ­Bauernhof in Egg im Zürcher Oberland. Doch wie bei vielen Nachbarn sind bei ­Webers die Zeiten des Bauerns vorbei. Die 56-Jährige hat das KV ­gemacht, ihr Mann ­arbeitet in einer Telekomfirma. Tausende Objekte im Stall und der zweistöckigen Scheune erinnern an vergangene Epochen: Biergläser, Kochbücher, Puppen, Lampenschirme, Laternen, Spritz­kannen, ein Kinderschlagzeug. Auf den ersten Blick ein ­einziges Chaos. Doch dann wird klar: Hier liegt die Elektronik, dort sind Baby­sachen. Weber stellt ihre Kollektion mit dem Wechsel der Jahreszeiten um. Im Winter lagern im Eingang der Scheune Ski und Schlitten, im Sommer Liegestühle. Hanni Webers Sammelsurium lebt.

Donnerstags öffnet sie ihre Sammlung neugierigen Besuchern. «Manchmal kommen schon am Vormittag zehn Leute», erzählt ­Weber, «manchmal auch niemand.» Andere Sammler suchen hier nach Trouvaillen, wie der Mann, der Weber erzählte, schon 1000 Bleistiftspitzer zu besitzen. Ihre eigene Karriere als Sammn beginnt mit dem Bauernhaus, das ihr Vater vor 20 Jahren von einem Freund erbte. In der Diele ­entdeckte Hanni Weber Spitzen und wertvolle Stoffe. Das Sammel­fieber war ausgebrochen. Die Sammlung tut Weber gut. «Hier habe ich meine Ruhe. Wenn ich wütend bin, komme ich hierher, um wieder runterzukommen.»

Der Kommerzsammler

Erich Bindschädler (70), Inhaber des ­Vintage Brocki in ­Uster ZH, empfängt in einem seiner fünf ­Warenlager. Er bahnt sich den Weg durch die vollgestellten Räume. Immer wieder fallen ihm Geschichten zu den Gegenständen ein. Sein Wissen über sie ist fast noch beängstigender als deren Anzahl und Exotik: Modelle von Dampflokomotiven, ein PTT- Briefmarkenautomat, zig Gabel­telefone und historische Aktien.

Bindschädler kaufte bereits als Jugendlicher in den Trödel­läden in der Zürcher Altstadt ein, wo er aufwuchs. Mit 17 erwarb er eine Kutsche, mit der er samstags ­seinen Schulschatz ausführte. Um die Pferde ausleihen zu können, mistete er jede Woche einen Pferdestall im Zürcher Unterland. Mit 19 schloss er seine Ausbildung als Eisenwarenhändler ab, später eröffnete er ­einen der ersten Baumärkte der Schweiz, das «Hobbyrama» in Dübendorf ZH. 1993 verkaufte er nach 20 Jahren sein Unternehmen und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Doch nun sucht er einen ­Käufer für das Vintage-­Brocki und drei seiner Lager. «Ich will endlich mal mit dem Boot auf dem Greifensee segeln gehen, mit meiner Frau Asien bereisen.» Sein viertes Lager in Kloten ZH will er aber seinen Söhnen vermachen. Der eine Sohn, Finanzchef einer Firma, soll die historischen Aktiensammlung erhalten. Der andere, ein Inge­nieur, das technische Sammelsurium.

Der Rennvelosammler

Dutzende Rennvelos stehen sauber aus­­gerich­tet im Lagerschuppen von Martin Skripsky (41) in Cham ZG. An den Wänden hängen Velorahmen, an einem Balken Dutzende Lenkstangen, in einer Ecke stapeln sich alte Reifen. Skripsky, ein Jurist, der für ein Software­unternehmen arbeitet, ist Sammler und Tüftler. Schon als Kind kaufte er alte Uhren und Fotokameras und reparierte sie.

Seine Leidenschaft entdeckte Skripsky, als er in Zürich studierte und sich in ­einem Brocki einen Kristall-Renner kaufte. Ein zweiter, ein dritter folgten. «Dann lief es ­irgendwie automatisch weiter.» Die wachsende Beliebtheit von ­alten Rennvelos zeigte sich am Preis. «Anfangs kosteten Räder 150 Franken, irgendwann waren es 500.» Mittlerweile hat er rund 40 Velos zusammen. 70 Prozent seien aus Schweizer Produk­tion. «Hierzulande gab es ­viele kleine Betriebe, die eigene Räder bauten.»
Weil sich der Lagerraum füllt, verkauft Skripsky ab und zu Fahrräder. Das teuerste kostet bei ihm 1100 Franken. Weil seine Räder gebraucht werden sollen, repariert er nicht nach historischen Vorgaben, sondern funktional: Alte Colli-Reifen ersetzt er durch Gummipneus und geschwungene Lenk­stangen durch die heute beliebteren geraden Versionen. Es mache ihm nichts aus, sich von den Fahrrädern zu trennen. Er verfolge am Fernsehen auch nicht stundenlang Tour de France. «Ich schaue lieber Tennis», sagt er und grinst.

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