Der rechte Weg

Der künftige CVP-Präsident Gerhard Pfister ist ein Intellektueller der etwas anderen Art. Was sucht so einer in der Politik?

Das Magazin, 9. April 2016. Text: Joel Bedetti. Bilder: Mark Henley.

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Gerhard Pfister, 53 Jahre alt, ist auch am Tag des Herrn in Hemd und Krawatte unterwegs. An einem Sonntagnachmittag im Februar steht er in einem Klassenzimmer der Tagesschule Elementa, deren Verwaltungsrat er vorsitzt, am Rand des Kantons Zug. Um ihn herum winzige Stühle und Tische für die Primarschüler, an den Wänden hängen Zeichnungen.

Pfisters Augen leuchten, urplötzlich ist er bewegt, ein Ausdruck seines eruptiven Wesens. Er erzählt von den elementaren Konflikten dieser Knirpse, die sich jedoch schnell wieder lösen, von ihrer Schulfreude, die verschwindet, je älter sie werden. «Hier hat man Einfluss auf die Entwicklung von Menschen», sagt er, als er in den Flur des leeren Schulhauses tritt. «Das hier ist das reale Leben.»

Nicht, dass Politik nicht real sei, wendet Pfister ein. Sonst würde er nicht als Präsident der CVP kandidieren.

Er schreitet durch den Flur, der Mantel weht, und der Kandidat erzählt, dass sich Eltern von Schülern manchmal wundern, wie anders er doch sei als im Fernsehen. «Als hätte ich zwei Gesichter. Der Lehrer und der bürgerliche Finsterling.» Pfister grinst, aber etwas bricht aus ihm heraus. Etwas, das eine Weile in ihm gegärt haben muss.
Tags zuvor ist in «Le Temps» ein Porträt über ihn erschienen, sicher das zehnte, seit er vor einem Monat seine Kandidatur für das Parteipräsidium verkündet hat. «Und dann stehen immer dieselben Sachen drin», sagt er an der Eingangstreppe seiner Schule. Er tippt auf die Manschettenknöpfe seines Hemds. «Ein Journalist hat das mal bemerkt, und seither steht es in jedem Porträt: bürgerlicher Finsterling, Choleriker, Manschettenknöpfe mit eingravierten Initialen!» Dann steigt er ins cremefarbene Innere seines Opels.

In sieben Tagen läuft die Frist der Findungskommission fürs Parteipräsidium ab. Wenn noch ein Gegenkandidat auftaucht, dann bald. Christophe Darbellay, der scheidende Präsident, zieht in der Romandie die Fäden gegen Pfister, hört man. Deshalb kommt auch das kritische Porträt in «Le Temps» höchst ungelegen.

«Ja, das könnte funktionieren»

Vielleicht ist Gerhard Pfister auch nur irritiert, dass er – der «Bad Boy» der Partei – tatsächlich der Einzige zu sein scheint, der dieses Amt anstrebt. Und dass niemand laut aufschreit, dass ausgerechnet er es tut. Manche befürchten, er könne als Präsident die Partei spalten, statt sie zu einen. «Ich will nicht, dass die Partei an mir Schaden nimmt», sagt er, während sein Opel durch die Zuger Voralpen gleitet, «sonst ziehe ich mich lieber zurück.» Spielt Gerhard Pfister an diesem Sonntag tatsächlich mit dem Gedanken, alles hinzuschmeissen? Oder ist es wieder mal Koketterie, eine Provokation? Seine Frau wird später sagen: Wenn er jetzt aussteige, nur wenige Wochen nachdem er seine Kandidatur bekannt gegeben hat, habe er alle an der Nase herumgeführt.

So viel steht fest: Gerhard Pfister, die Provokation und die Koketterie sind gute Bekannte.
Pfister spürt die Erwartungen, die auf seinen Schultern lasten. Er hat versprochen, alle Kräfte einzubinden, der CVP den Glauben an sich selbst zurückzubringen. «Letztlich kann ich es nicht begründen», meint Pfister, der Kopfmensch, und schlägt mit dem Handgelenk ans Steuerrad. «Es ist ein Bauchgefühl: Ja, das könnte funktionieren!»
Kann es das? Kann Gerhard Pfister, Choleriker, Manschettenknöpfe mit Initialen, bürgerlicher Finsterling, diese Partei zum Erfolg führen? Oder überhaupt führen?

Zehn Wochen zuvor, Ende November. Gerhard Pfister sitzt in der Zuger Confiserie Speck. Seit einigen Monaten geistert er als Favorit fürs CVP-Präsidium durch die Zeitungen. Eigentlich spricht nicht viel gegen ihn: Pfister ist seit zwölf Jahren Nationalrat, dossierstark, als brillanter Kopf bekannt. Die Frage ist, ob die Partei ihn will, den notorischen Abweichler am rechten Rand der Bundeshausfraktion. Die Journalisten mögen ihn; Pfister ist ständig erreichbar und autorisiert markige Zitate. Doch die Anfrage, ob man ihn für ein Porträt über mehrere Wochen begleiten könne, begeistert ihn mässig. Er möge keine Homestorys, sagt er. Wenn man das Privatleben breitschlage, falle es auf einen zurück. Pfister nutzt die Medien nicht nur, er fürchtet sich auch vor ihnen. Vielleicht, weil er sich vor seinem eigenen Bild fürchtet. Noch heute sei er vor jedem Auftritt so nervös, sagt Pfister, dass er im Fernsehen oft düster wirke.

Ob er tatsächlich ins Rennen um das Parteipräsidium steigt, habe er noch nicht entschieden, sagt Pfister im Café Speck. Er wolle in den nächsten Wochen die Reaktionen in der Fraktion und an der Basis abwarten. Sind sie positiv, plane er, die Kandidatur am 6. Januar zu lancieren, an der Dreikönigskonferenz der Zuger CVP. So könnte ein Momentum entstehen, noch bevor die Findungskommission zusammenkommt.
Für Gerhard Pfister ist Politik auch ein Spiel, das gibt er gern zu. Deshalb sagt er schliesslich für dieses Porträt zu. Weil auch das zu diesem Spiel gehört.

Ein schweres Erbe

Drei Tage nach dem Gespräch im Café Speck versammeln sich die nationalen Delegierten der Christlichdemokratischen Volkspartei in einer Mehrzweckhalle am Stadtrand von Freiburg, Tischtücher in Parteiorange, Fähnchen der Kantonsdelegationen, Ballone. CVP-Präsident Christophe Darbellay beschwört das christliche Fundament der Partei. «Ständig müssen wir uns erklären», ruft er den Delegierten zu, «aber wir dürfen nicht in die Defensive geraten, denn es sind unsere Werte!»

Trotzige Worte. Bei den Nationalratswahlen hat die CVP ihren Sinkflug fortgesetzt. Noch 11.6 Prozent wählen die Partei, auch wenn Darbellay auf der Bühne an die «exzellenten Resultate» in den katholischen Festungen Zug, Freiburg und Wallis erinnert. Gerhard Pfister sitzt auch am Präsidiumstisch, er ist Mitglied der elfköpfigen Parteileitung. Er beugt sich über sein Manuskript, gleich wird er seine Rede halten. Pfister muss die Delegierten von einer Ja-Parole zu der von ihm verantworteten Heiratsinitiative überzeugen.

2011 hat die Partei gleich zwei Volksinitiativen lanciert, die ersten seit vielen Jahren. Sie will endlich auch mal Themen setzen, so wie der Angstgegner SVP. Doch die Familieninitiative, die Kinder- und Ausbildungsauslagen steuerfrei machen wollte, ging vergangenen Frühling mit 75 Prozent Neinstimmen unter. Richtet es Pfister am 28. Februar mit der Heiratsinitiative, würde die CVP endlich wieder mal gewinnen. Und ihm würde es einen grossen Bonus bei den Delegierten verschaffen, die am 23. April Darbellays Nachfolger wählen.

Der scheidende Parteichef bittet Pfister auf die Bühne. Sie drücken sich mit steinernen Mienen die Hand; die beiden sind einander spinnefeind. Pfister steigt auf den Schemel, den man nach dem Auftritt des baumlangen Darbellay für den nächsten Redner hinstellt. Ein SVP-Redner könnte die eigene Partei nun aufheizen. Doch Pfister muss zuerst die Bedenken der CVP-Delegierten zerstreuen. Am linken Parteirand ärgert man sich über den vorgeschlagenen Gesetzestext, der die Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau definiert. «Wir haben uns einen kommunikationstechnischen Albtraum eingehandelt», warnt der Vizepräsident der Jungen CVP aus Zürich. Das sei nicht das Thema, entgegnet Pfister von der Bühne herab. «Wer eine Ehe für alle haben will, kann das mit einem Volksentscheid erzwingen. Aber wenn wir die Heiratsstrafe nicht abschaffen, werden einfach alle diskriminiert.» Pfister will die Delegierten aufrütteln. «Wenn Sie mir nicht glauben, dann glauben Sie Shakespeare: Unsere Zweifel sind Verräter. Es gibt keinen Grund, an der Richtigkeit unseres Vorhabens zu zweifeln.» Die Delegierten stimmen der Initiative mit 139 zu 6 zu.

Noch mal gut gegangen. Doch wer immer Darbellays Nachfolger wird, übernimmt ein schweres Erbe: Die Gräben in der CVP sind tief – zwischen dem Finanzausgleich-Höchstzahler Zug und dem Finanzausgleich-Rekordempfänger Uri, zwischen dem offenen Jura und dem verschlossenen Appenzell Innerrhoden, der staatskritischen Innerschweiz und den etatistischen Städten.

Der Firn der katholischen Welt – Kirche, Vereine und Klosterschulen –, der Differenzen einst überdeckte, löst sich auf. 1979 wählte das katholische Milieu geschlossen CVP. Die Partei kam auf 21.3 Prozent. Jetzt sind es noch etwas mehr als die Hälfte, seit den Neunzigern sind zahllose Stammwähler zur SVP übergelaufen. Die CVP muss sich von einer Milieu- zur Ideenpartei wandeln. Sie muss zur politischen Marke werden.

Die Reizfigur

Während die Delegierten zum Apéro riche gleiten, sind in der sich leerenden Halle Lichtkegel auf zwei Personen gerichtet: Darbellay gibt dem Fernsehen neben der Bühne ein Interview, Pfister am anderen Saalende. Der Journalist fragt ihn nach seiner Kandidatur. Pfister, Hände in den Hosentaschen, brummt: «Ich werde es mir über die Feiertage überlegen.»

In der Schlange vor dem Buffet tritt ein massiger Ostschweizer mit Weissweinglas auf ihn zu. «Herr Pfister, ich bitte Sie, kandidieren Sie für das Präsidium, Sie würden unserer Partei guttun!» Pfister bedankt sich und grinst. Die Reaktionen der Delegierten, die ihn am 23. April wählen müssten, sind seine wichtigste Währung. Denn er ist ein gebranntes Kind. Als er 2008 für einen Sitz in der Parteileitung kandidierte, sprachen sich mehrere Kantonsdelegationen gegen ihn ab. Erst da, sagt er, sei ihm bewusst geworden, dass er eine Reizfigur sei.

Sein Einstand im Nationalrat im Herbst 2003 fiel in eine dramatische Zeit. Eine Mehrheit aus SVP, rechtem Freisinn und abtrünnigen Christdemokraten opferte CVP-Bundesrätin Ruth Metzler, um Christoph Blocher in die Landesregierung zu bringen. Gerhard Pfister war der Meinung, der Sitz stehe der Wahlsiegerin SVP zu, beteuert jedoch, aus Loyalität Metzler gewählt zu haben. Für seine Partei war der 10. Dezember 2003 eine Neuauflage des Durchmarschs der SVP in den Neunzigerjahren in den katholisch-konservativen Stammlanden der CVP. Viele Christdemokraten verstanden sich in jener Zeit in erster Linie als Opposition zur SVP.

Doch der neue Nationalrat Gerhard Pfister stimmte nicht nur am rechten Rand der Partei. Er verkehrte auch persönlich mit dem Gegner. Während der Flumser Parlamentssession 2006 lud Blocher eine Gruppe von rund zwanzig rechtsbürgerlichen Parlamentariern in sein Schloss Rhäzüns. Das Bündner Gesangsensemble Compagnia Rossini sang Lieder. Unter den Gästen: Gerhard Pfister. Wieso er nicht gleich in die SVP übertrete, hörte er damals öfter.

Rechts ist man weniger allein

Eine ganze Reihe Christdemokraten wechselte in diesen Jahren tatsächlich zur SVP, etwa die Vizepräsidentin der Zürcher CVP und der Präsident der Freiburger CVP. «Pfister drohte nie mit der SVP», sagt jemand aus der damaligen Parteileitung, «aber wir fragten uns: Wie können wir ihn halten?» Pfister hatte zwar den Ruf eines Cholerikers – an Fraktionssitzungen kanzelte er Kollegen ab –, doch gleichzeitig erwies er sich als ein leidenschaftlicher Politiker, kompetent und redegewandt.

2010 schaffte es Pfister im zweiten Anlauf doch noch ins Parteipräsidium, mit ausdrücklicher Unterstützung der Parteileitung, die ihn einbinden wollte. 2011 leitete er den nationalen Wahlkampf, stimmte aus Loyalität gar für die Energiewende. 2012 organisierte er das Hundertjahrjubiläum der CVP. Sein politisches Talent entpuppte sich für die Parteispitze aber auch als Bedrohung. 2012 überzeugte er die Fraktion in einer flammenden Rede davon, dass Asylbewerber Nothilfe statt Sozialhilfe bekommen sollten – entgegen der Position der Parteileitung. Das Verhältnis kühlte sich ab.

Doch Pfister spürte, dass der Wind an der Basis gedreht hatte. Vor allem in den unteren Chargen verbreitete sich die Meinung, dass das Modernisierungsprojekt der Partei gescheitert war. Wegen der Gewinne der SVP bei den Stammwählern der CVP schielte der christlichsoziale Flügel auf die Agglomerationen im Mittelland. Unter Doris Leuthard und Christophe Darbellay positionierte man sich als Familienpartei zwischen SP und FDP. Doch die SVP gewann auch die Schlacht um die Vorstädte. Viele CV-Pler wünschten sich wieder eine bürgerlichere und konservativere Partei. In Bern schrumpfte der sozialliberale, oft weibliche Parteiflügel. Nationalrätinnen wie Barbara Schmid-Federer, Pfisters Banknachbarin, mussten zusehen, wie linke Nationalrätinnen eine nach der anderen zurücktraten und durch bürgerliche Exponenten ersetzt wurden.

Gerhard Pfister erlebte das Umgekehrte: Plötzlich war er rechts gar nicht mehr so allein.
Ein paar Tage nach Weihnachten sitzt Gerhard Pfister in kariertem Hemd und Manchesterhose in einer Hotellobby in Sils. Jeden Winter zieht sich Pfister mit seiner Frau für drei Wochen ins Oberengadin zurück, geht langlaufen, liest Bücher im Dutzend – und denkt nach.

Vor wenigen Tagen hat FDP-Präsident Philipp Müller nach nur vier Jahren seinen Rücktritt bekannt gegeben. Pfister musste in Sils mehrmals an eine kurze Begegnung am Zürcher HB denken, abends um neun. Müller kam von einer Veranstaltung und ging an die nächste, sah müde aus und abgekämpft. «Wenn ich gewusst hätte, wie anstrengend es wird, hätte ich mich nicht darauf eingelassen», sagte er zu Pfister.

Bei der FDP weckt das Verschleissamt ebenso wenig Ambitionen wie bei Pfisters Parteikollegen. Der eingemittete Ständerat Pirmin Bischof sagte ab. Der Bündner Nationalrat Martin Candinas, der Favorit des linken Parteiflügels, lässt nichts von sich hören. Candinas hat drei Kinder, er wolle sich das Amt nicht antun, heisst es.
Auch Pfister hätte gute Gründe, auf den undankbaren Job zu verzichten. Er ist Bildungsunternehmer, viele Jahre führte er das Institut Pfister auf dem Ägeriberg. Seit er es 2012 geschlossen hat, auch um sich der Politik zu widmen, muss er nicht mehr zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Schüler da sein. Heute sitzt er noch im Verwaltungsrat des Internats Montana und präsidiert die Elementa, eine Tagesschule, die er 2004 gegründet hat, ist operativ aber kaum mehr tätig. Er schläft nicht mehr schlecht, wenn er auf eine Bergtour geht.

Auch die Sonntagabende sind jetzt frei. Mit seiner Frau, einer linken CV-Plerin übrigens, geht er dann gern ins Theater. In Bern hat Pfister seinen Platz gefunden. Im Ratssaal sitzt er neben seinem linken Gegenpol Barbara Schmid-Federer. Sie seien wie ein altes Ehepaar, flachsen die beiden. Bei Abstimmungen drücken sie selten denselben Knopf, nehmen es einander aber nicht übel. In der CVP-Fraktionsfamilie ist Pfister der eigenwillige Sohn, der etwas zu oft mit den ungezogenen Jungs von rechts nebenan spielt. Er könnte auch noch zwei Legislaturen anhängen, sagt er, und dann in den Ruhestand treten. «Ich muss nicht Präsident sein, um glücklich zu werden», betont er vor der Dreikönigskonferenz immer wieder.

Doch in den letzten Monaten haben seine Kollegen beobachtet, wie sich Pfisters Auftritt veränderte. Die scharfen Wortmeldungen an den Fraktionssitzungen haben nachgelassen. «Er ist ausgeglichener geworden», sagt Schmid-Federer, «wägt die Meinungen ab und distanziert sich in seinen Voten von der SVP.» In der Fraktion ist man über Pfisters Wandlung gespalten: «Er hats gecheckt», sagen die einen. «Taktik», die anderen.

Am 6. Januar sitzt Gerhard Pfister im Hotel Ochsen in Zug, leicht nervös, glänzende Stirn, Fernsehkameras, und lässt durch den Zuger CVP-Präsidenten seine Kandidatur verkünden – als einziger Anwärter. Der Schlüsselsatz der Ansprache: «Die CVP Zug ist bereit, national Verantwortung zu übernehmen.» Weniger vornehm formuliert: Die erfolgreiche Zuger CVP soll der Partei auf nationaler Ebene Beine machen.

Bauern und Expats

Elf Tage später. Gerhard Pfister steuert seinen Vierrad-Opel durch dicken Schneefall nach Oberägeri hinauf, die Heimat seiner Familie. Ein wenig gespenstisch thront das Institut Pfister, in dem Gerhard aufwuchs, auf dem Ägeriberg. Seit vier Jahren ist der Bau verlassen. Das Mobiliar verschenkte er auf Initiative seiner Frau nach Rumänien, ein örtlicher Bastler schlachtet die Gebäude aus. «Aha, jetzt hat er ein Balkongeländer mitgenommen», murmelt Pfister. Er ist froh, als er wieder wegfährt. Es sei doch ziemlich emotional für ihn.

Das Institut ist auch eine Zuger Geschichte. Pfisters Grossvater eröffnete die Privatschule in den 1920er-Jahren in einem ehemaligen Hotel auf dem Ägeriberg, die Mutter kochte für die Schüler Mittagessen. Zug war damals offener als andere katholische Kantone. Sie liessen Protestanten herein, zuerst Ingenieure, die den Kanton industrialisierten, dann Steueranwälte, die ihn nach dem Krieg in ein Steuerparadies verwandelten.
In den Sechzigerjahren übernahm Gerhard Pfisters Vater das Internat und baute es aus. Das Geschäftsmodell: ein strenges Regime für Kinder aus gutem Haus – Haarschnittkontrolle, Urinkontrolle, Skiferien im Hotel. «Es ist die Klientel, für die sich Gerhard Pfister heute politisch einsetzt», meint einer der wenigen Linken in Oberägeri lakonisch.

Gerhard Pfister ging im familieneigenen Institut in die Primarschule, danach wechselte er an die Klosterschule Disentis, die schon sein Vater besucht hatte. Nach der Matura studierte er in Freiburg Literatur und Philosophie, doktorierte über den Schriftsteller Peter Handke; Pfister hätte sich auch eine Laufbahn als Wissenschaftler vorstellen können. Doch weil sich seine Geschwister nicht für das Institut interessierten, war ihm klar, dass das nicht ging. Mit 25 fing er als Lehrer an, mit 32 übernahm er den Betrieb – früher als geplant; sein Vater war an Krebs gestorben.

In den Neunzigerjahren trug die Tiefsteuerpolitik des Kantons Früchte. Holdings zogen hin, die Kleinstadt Zug wurde zu einem Zentrum des globalen Rohstoffhandels. Oberägeri mit seinem Blick auf den Ägerisee gehörte fortan zu den gefragtesten Flecken im Kanton. Die Bauern verkauften ihr Land, Oberägeri wurde zur Expat-Kolonie. Und das Institut Pfister ein Opfer des Erfolgs.

Die Schule konnte nicht mehr expandieren, weil rundherum alles zugebaut war. Gerhard Pfister hat keinen Nachfolger in Sicht (er hätte gern Kinder gehabt, aber es klappte nicht). Ein Verkauf war chancenlos, weil das Institut an den Familienruf gebunden war, aber auch, weil ein Käufer mit der Privatschule niemals das Geld für das Grundstück hätte reinholen können. Seit den 1920ern war der Quadratmeterpreis von unter einem Franken auf über 2000 Franken gestiegen.

2008 beschloss Gerhard Pfister, wie viele Zuger Unternehmer vor und nach ihm, seinen Betrieb zu schliessen und das Land zu überbauen. 18 Eigentumswohnungen sollen in den nächsten Jahren entstehen, im oberen Preissegment natürlich, denn die Lage ist einmalig. Auch Pfister und seine Frau werden dereinst hier einziehen.
Bis es so weit ist, wohnt das Paar in einer Neubausiedlung nahe dem Ufer des Ägerisees, in einem stilvoll eingerichteten Dreizimmerloft mit Glasfront, Seesicht und Kücheninsel. Viele Expats leben in der Siedlung. Für die meisten Einheimischen wären die Wohnungen unerschwinglich. Steueroptimierer und Rohstoffmanager haben die Mietpreise in die Höhe getrieben, drei Zimmer kosten schnell 3000 Franken. Wer als Mittelständler ein Eigenheim kaufen will, weicht nach Glarus oder in den Aargau aus, wo richtige Zuger Kolonien entstanden sind.

Der ländliche Charakter des Kantons schwindet, die Zuzüger beteiligen sich kaum am Gemeindeleben. Gerhard Pfister aber will die Zuger – und die Schweizer – mit der Globalisierung versöhnen. «Das ist der Preis für den Erfolg. Der Kanton Jura hat genügend billigen Wohnraum, aber keine Arbeitsplätze.» Die Alarmstimmung, welche die Linke in Zug verbreite, sagt er, treffe das Lebensgefühl der Einheimischen nicht. «Sonst wäre sie doch viel stärker.» Die Linken sind zwar laut, aber isoliert. In Zug herrschen SVP, FDP und – als knapp stärkste Partei – die CVP. Das ungewohnte Kräfteverhältnis ist auch Gerhard Pfisters Verdienst.

Pfister3

Wirtschaft, Wirtschaft!

In die Politik kam er, wie zum Institut, aus Familientradition. Sein Vater war eine Autorität in Oberägeri, sass im Kantonsrat, hielt sich aber im Hintergrund. Pfister junior wurde 1998 in den Rat gewählt, mit 36. Er war anders als der Vater: streitlustig, ehrgeizig, noch bürgerlicher. Kaum im Parlament, übernahm er die Führung der kantonalen CVP. Er positionierte die ohnehin bürgerliche Zuger CVP – in bewusstem Gegensatz zum sozialliberalen Parteiprofil der nationalen CVP – so konservativ und wirtschaftsnah, dass sie heute rechts der Zuger FDP steht, die auch nicht gerade dem Linksfreisinn angehört. Pfister hielt die Ortssektionen auf Trab. Denn über den Erfolg einer Partei, das weiss Pfister, entscheidet zu einem guten Teil die Basis: ob die einfachen Mitglieder die Plakate tatsächlich auf ihren Äcker aufstellen und am Bahnhof Flyer verteilen. Noch als Nationalrat liess er sich in den Kirchenrat von Oberägeri wählen, weil der Sitz sonst verloren gegangen wäre.

Am Abend des verschneiten Wahlsonntags feiert die Zuger CVP in der Boomgemeinde Baar den Einzug ihres Präsidenten Martin Pfister in den Regierungsrat. Gerhard Pfister, der den Wahlkampf führte, hält eine Ansprache im vollgestopften «Maienrisli», einem edlen Lokal mit breiter Glasfront. Das Publikum trägt Foulards und teure Brillen. Die Baarer Christdemokraten sehen mehr nach Goldküste aus als nach Innerschweiz. Pfister, entspannt, klatscht dreimal in die Hände. «Lieber Martin, liebe CVP-Familie», ruft er in den Saal, «ich wünsche dir viel Erfolg beim Wirken im erfolgreichsten Kanton der Schweiz! So, und jetzt brauch ich was zu trinken.» Draussen in der Kälte bringt die grün gekleidete Dorfmusik ein Ständchen, drinnen im Restaurant der Kellner den Rotwein. Es ist ein skurriles Schauspiel: die Rituale der Urschweiz vor der Kulisse der Globalisierung. Ist das die Zukunft der CVP?

Konservative Herkunft und liberale Wirtschaftsordnung sind die Bausteine von Pfisters Weltanschauung. Wobei der zweite wichtiger ist als der erste. Obwohl gegen die Ehe für alle, beteuert er, dass ihn die Frage eher langweile. «Eigentlich ist mir völlig egal, wer mit wem ins Bett geht.» Mehr am Herzen liegt ihm die Marktwirtschaft. Von ihr erzählt Pfister, der gern komplexe Romane liest, simple Geschichten: Steuerparadies? Gibt es nur, weil es Steuerhöllen gibt. Börsenhandel mit Nahrungsmitteln? Lieferabsicherung für äthiopische Bauern. Zug als Rohstoff-Headquarter? Arbeitsplätze. Die Schweiz, findet Pfister, pokere zu wenig

In Wirtschaftsfragen kollidiert Pfister regelmässig mit der Partei: Er stimmte 2006 als Einziger für die Privatisierung der Swisscom. Er nannte Subventionslobbyisten «Steilhangfetischisten», weil Bauern in steilem Gelände besonders viele Subventionen erhalten. Bei der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes stimmte er zwar aus Fraktionsdisziplin für die Vorlage der CVP-Bundesrätin Doris Leuthard; im Abstimmungskampf war er dann aber keine grosse Hilfe. An einer Podiumsdiskussion teilte er kräftig gegen SRG-Generaldirektor Roger de Weck aus. Er frotzelte über dessen «eidgenössische Beglückungsfabrik» und schrieb: «Das Gerede vom nationalen Zusammenhalt dient nur dazu, die Zwangsabgaben in ausreichender Höhe für den eigenen Betrieb zu sichern.»

Wenn er das künftige CVP-Programm skizzieren soll, bleibt er vage. Man darf eine harte Migrationspolitik erwarten. In seinem Hauptdossier hat er die Parteilinie in zwölf Jahren Kommissionsarbeit bereits geprägt. Im Sommer verfasste er mit Parteikollegen ein Papier zu Asylbewerbern aus Eritrea, in dem von Bargeldverbot und Arbeitszwang die Rede war. Derzeit fordert er einen Asylstopp bei 25 000 Gesuchen pro Jahr – 2015 wurden in der Schweiz fast 40 000 Gesuche gestellt.

Auch bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative positioniert er sich am rechten Rand. Zwar war Pfister zunächst auf Parteilinie und bekämpfte die Vorlage. Nach der Annahme aber übernahm er erneut die Rolle des Abweichlers. Er vertrat nun den Standpunkt, dass die neue Zuwanderungsregelung mit den Bilateralen problemlos vereinbar sei. Nachdem sich Brüssel allerdings querstellt, vertritt er die Auffassung, der Volksentscheid sei wichtiger als die Rettung der Bilateralen – und steht damit, zusammen mit der SVP, allein auf weiter Flur. In Grossbritannien, das derzeit ebenfalls mit Brüssel um eine Begrenzung des freien Personenverkehrs ringt, sieht Pfister einen «natürlichen Verbündeten». Die Schweiz, findet er, pokere zu wenig. Man fürchte sich zu sehr vor der EU, aber auch vor den USA.

Als Parteipräsident wird er vorsichtiger auftreten müssen, das ist ihm bewusst. Eine seiner ersten Aufgaben wird sein, die Kampagne gegen das SVP-Referendum zur Asylreform der SP-Bundesrätin Sommaruga zu leiten. In erster Linie aber will er die CVP als Wirtschaftspartei positionieren, wie sie es in seinem Heimatkanton bereits ist. Zugleich sieht Pfister seine Partei als Garantin der sozialen Marktwirtschaft – eine Position, die weder die von ihrem linken Flügel dominierte SP noch die industrienahe FDP besetze. Es ist eher eine strategische denn eine ideologische Überlegung: Gerhard Pfister weiss, dass er die Christdemokraten mit ultraliberaler Wirtschaftslehre nicht einen kann. «Bei der Sanierung der Sozialwerke werde ich Kompromisse eingehen», sagt er. «Einen reinen Abbau können wir nicht verkaufen.»

Die Hoffnung vieler Parteilinken ist, dass er die CVP kaum in einer Lücke im FDP-SVP-Terrain positionieren kann – weil es diese Lücke nicht gibt. Und dass ihm seine Partei mehr am Herzen liegt als der bürgerliche Schulterschluss, von dem er in den Wochen vor der Präsidentschaftswahl auffällig wenig redet. Vielleicht aber will Gerhard Pfister auch gar nicht das Programm der CVP ändern. Sondern ihren Stil?

Sarnen, eine Woche nach den Zuger Regierungsratswahlen. Im grossen Saal des alten Hotels Metzgern lachen Fasnachtsmasken auf die versammelte CVP Obwalden herab.
Gerhard Pfister tritt ans Rednerpult. «Geschätzte Damen und Herren, ich werde enden, bevor sie eingeschlafen sind.» Er stellt seine Heiratsinitiative vor, über die in sechs Wochen abgestimmt wird. Erneut beweist er, was für ein guter Redner er ist, einer der besten im Nationalrat, wenn nicht der beste, wie es dort heisst. Knapp, präzise und mit trockenem Humor. Jemand fragt, wie lange die Umsetzung der Initiative dauern werde. Nicht von heute auf morgen, antwortet er und grinst. «Sonst machen wir halt auch eine Durchsetzungsinitiative.» Als die Ehedefinition zur Sprache kommt, bringt er wieder sein Argument, die Ehe für alle könne man ja mit einer Initiative anstreben. Hier, im Herzen der Schweiz, fügt er aber an: «Als CVP sollten wir aber sagen, was wir unter einer Ehe verstehen. Wir brauchen uns nicht davor zu fürchten, in der Minderheit zu sein. Damit gewinnen wir an Profil.»

Der lokale Parteipräsident fragt noch, was die Innerschweizer Stammlande von ihm erwarten können, sollte er zum Parteipräsidenten gewählt werden. Pfister antwortet: Nichts. Ein Präsident müsse alle Kräfte einbinden. «Was sie von mir erwarten können, ist, dass die CVP wieder zurück auf die Siegerstrasse findet. Die erfolgreichste CVP ist eine CVP, die an sich glaubt.»

Langer Applaus, beim Apéro regnet es Glückwünsche. Irgendwie hat er es geschafft, den Saal in Sarnen mit Zuversicht zu füllen. «Es braucht jemanden, der die Partei aus dem Schlaf reisst», meint ein junger CVPler. Sein Kollege nickt. «Einfach mal eine heisse Kartoffel in die Menge werfen. Damit wir endlich diskutieren.»

Sein Charakter? Autistisch

Spricht man mit Leuten von der Basis über Gerhard Pfister, geht es nicht primär um den Wunsch nach einem rechtsbürgerlichen Parteipräsidenten. Pfisters exakte politische Position scheint vielen Mitgliedern gar nicht so wichtig zu sein. Viel grösser ist die Hoffnung, dank ihm endlich wieder mal zu gewinnen. Auch eher linke Parteimitglieder sind überzeugt von Pfister, sogar beeindruckt. Der kantige Mann verströmt, wenn er will, ein Charisma, das man ihm auf den ersten Blick kaum zutraut. Manchmal, sagt sein ehemaliger Kantonsratskollege Andreas Bossard, habe man das Gefühl, Pfister sei gar nicht anwesend. «Aber im richtigen Moment ist er plötzlich da. Und reisst die Leute mit.»

Vielleicht hoffen viele Christdemokraten auch deshalb auf den Zuger, weil er so anders ist. Gerhard Pfister ist das Gegenteil des aktuellen Präsidenten, des geselligen und spontanen Darbellay. Er ist überhaupt das Gegenteil seiner Partei. Die CVP ist nach aussen gekehrt, schaut ständig nach links und rechts, bietet sich überall als Partnerin an.

Gerhard Pfister hingegen ist nach innen gekehrt. Fragt man Ratskollegen nach seinem Charakter, fällt ein hartes Adjektiv – zögerlich, aber regelmässig: autistisch. Im Parlament sitzt er oft in sich versunken da, den Kopf leicht nach unten geneigt, als könne er jeden Moment endgültig absacken. Er hält die Faust vors Gesicht oder unter das Kinn, manchmal vergräbt er das Gesicht fast in den Händen. Bis er plötzlich da ist.

Zu Parteianlässen erscheint er oft als Letzter und geht als Erster. Bei Fraktionsessen fehlt er bisweilen ganz. Nicht aus Faulheit, seine Mails treffen auch nach Mitternacht ein. Gemeinschaftliches ist Pfister einfach fremd. Im Studium mied er die katholischen Studentenverbindungen. Mit ihren Ritualen konnte er nichts anfangen. An der Fasnacht bleibt er daheim, seine Frau zieht allein los. Deshalb ist ihm im Grunde auch die SVP mit ihrem Pathos zuwider, selbst wenn er sich regelmässig mit Blocher trifft. Er steht zwar hart und eindeutig rechts, begreift aber Politik eher als lustvolles Spiel. Hier grenzt er sich auch von Blocher ab, den er als Strategen bewundert, aber als Missionar ablehnt.

In der CVP schätzt man seinen Eigensinn mindestens so sehr, wie man sich darüber ärgert. Der Mann habe Stil, heisst es, eine klare Linie, er sei einer der wenigen strategischen Köpfe der Partei. Und einer, der mit offenem Visier kämpfe. Gerhard Pfister ist die Sehnsucht der CVP nach dem, was sie nicht ist. Pfister will die Partei seinem eigenen Charakter angleichen. Sie soll eigene Positionen einnehmen, streiten. «Es gibt viele Konflikte, die auf dem Tisch liegen, aber niemand spricht sie an», sagt er. «Erst vor den Abstimmungen fangen die Diskussionen an. Aber dann ist es zu spät.»

Pfisters Streitlust wird von niemandem infrage gestellt; seine Fähigkeit zur Integration hin und wieder schon. In den Neunzigern gerieten sich in der Stadtzuger CVP der christlichsoziale und der stärker bürgerliche Flügel in die Haare. Die Christlichsozialen stellten eine eigene Kandidatenliste für den Stadtrat auf, die Bürgerlichen gingen eine Listenverbindung mit der SVP ein. Als Pfister 1999 kantonaler CVP-Präsident wurde, war schon viel Geschirr zerbrochen. Bald beschloss die Stadtpartei den Ausschluss der Abweichler. Gerhard Pfister erzählt, er habe den Betroffenen bloss noch den Entscheid überbringen können. Er tat aber ziemlich sicher nicht alles, um den christlichsozialen Flügel in der Partei zu halten. Peter Lüthi, langjähriger Schulleiter am Institut Pfister, erzählt, wie Gerhard Pfister eines Abends ins Internat zurückkehrte, den Mantel auszog und sagte: «So, jetzt haben wir die Linken rausgeschmissen.»

Dennoch vermutet Peter Lüthi, selbst ein eher linker CVPler, dass Pfister ein guter Parteipräsident sein wird. «Er wird die Linke einbinden. Nicht aus Empathie, sondern aus Intelligenz.» Pfister weiss, dass die Schweizer CVP nicht die Zuger CVP ist. Vielleicht bleibt das linke Lager deshalb so gelassen, als Pfister auch nach Ablauf der Bewerbungsfrist Mitte Februar der einzige Kandidat ist. «Als CVP-Präsident hat man keine Macht», lacht eine Nationalrätin ins Telefon. «Nur Ärger.»

Eines will Gerhard Pfister sicher nicht: so scheitern wie sein Vorbild, der Appenzeller CVP-Ständerat Carlo Schmid. Der rieb sich zu Beginn der Neunziger mit seinen rechten Positionen in der Partei auf und trat nach zweieinhalb Jahren zurück. Pfister sei kühler als Schmid, analytischer, sagt Alt-Ständerat Bruno Frick. Der ehemalige CVP-Generalsekretär Tim Frey vertraut auf Pfisters Eitelkeit. «Genauso wie er seine Manschettenknöpfe aussucht, will er die Partei gut führen.»

Bad Boy

Am Morgen des 28. Februar, des Abstimmungssonntags, durchquert Gerhard Pfister die Lobby des Berner Hotels Bellevue. Er wirkt nervös, wieder einmal glänzt die Stirn. Pfister ist kein guter Schauspieler. Die erste Hochrechnung zur Heiratsinitiative sagt: 50 zu 50. Die Zustimmung zur Initiative ist in den vergangenen Wochen geschrumpft, die Linken argumentieren vor allem mit der umstrittenen Ehedefinition.

Gerhard Pfister wird von Mikrofon zu Mikrofon gereicht, als wäre er schon Parteipräsident, er zeigt sich erleichtert über die Ablehnung der Durchsetzungsinitiative und fordert eine harte Umsetzung der Ausschaffungsinitiative. Dann muss er auf nach Zürich, in den «SonnTalk» von Tele Züri. Christophe Darbellay kreuzt seinen Weg. Sie schütteln sich die Hand, Darbellay ruft ihm etwas zu, grinst sogar.

Es erstaune ihn, sagt Pfister, wie sich das Verhalten einiger Leute wandle. Seit einigen Tagen bezeichnen ihn die Medien als «designierten CVP-Präsidenten». Die Zentralschweizer Kantonalparteien haben ihm ihre Unterstützung offiziell zugesichert. Pfisters Furcht an jenem Sonntag vor ein paar Wochen war wohl unbegründet – Darbellays Widerstand war bloss ein Strohfeuer, Pfisters Auftritt morgen vor der Findungskommission wird Formsache sein, die Wahl am 23. April wohl ebenso.

Als Pfister vor dem Hotel Bellevue in die Berner Dämmerung tritt, ist die CVP-Initiative zwar noch einige Tausend Stimmen im Plus, doch er hat ausgerechnet, dass die Städte die Vorlage kippen werden. Das Endresultat wird hauchdünn sein: 50.8 Prozent dagegen. Auf dem Weg zum Bahnhof ärgert er sich – auch ein wenig darüber, dass ausgerechnet die rigide Ehedefinition, auf der er beharrte, die Gegner der Initiative mobilisiert hat. «Sonst hätten wir vielleicht gewonnen», sagt er. In der Partei kreidet man ihm die Niederlage allerdings nicht an. Nach dem Desaster bei der Familieninitiative ist der knappe Ausgang ein Achtungserfolg.

Im Zug nach Zürich noch mehr Ärger. Pfister merkt, dass er aus Versehen in einen Bummler gestiegen ist. Er telefoniert, entschuldigt sich, man verspricht, ein Taxi zum Bahnhof zu schicken. Im «SonnTalk» werden sie auch über seine jüngste Forderung reden: bei der Aufnahme von Flüchtlingen Frauen, Kinder und Christen zu bevorzugen. Das sei nur ein Satz aus einem langen Interview mit der «Rundschau» gewesen, verteidigt er sich. Die Frage habe ihn unvorbereitet getroffen. Aber der Satz legt wieder einmal Gerhard Pfisters rechte Flanke bloss. Oder war es bloss eine heisse Kartoffel, die er in die Menge schmiss?

Pfister, heisst es in der CVP, habe sein Bild als «Bad Boy» zelebriert, habe bei jeder Gelegenheit erwähnt, dass er der Rechteste der Partei sei. Viele haben den Eindruck, dass seine Positionen oft auch Provokation gewesen seien. Jetzt muss der «Bad Boy» in eine neue Rolle schlüpfen. Ob das Publikum ihm diese abnimmt, wird sich weisen.
Bei der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof betrachtet Gerhard Pfister sein Spiegelbild in der Türe und streicht die Haare glatt. Das Taxi hält fünf Minuten vor Sendebeginn vor dem Redaktionsgebäude, einem Industriebau in Zürich-West. Vor dem Spiegel im Fahrstuhl richtet sich Pfister nochmals die Haare. «Scheisse, so schlecht war ich noch nie vorbereitet», brummt er.

Im weissen Flur huschen seine Gesprächspartner an ihm vorbei: SP-Nationalrat Matthias Aebischer und SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, beide proper geschminkt. Im Studio wird Pfister das Mikrofon angeheftet, eine Frau besprüht sein Gesicht noch rasch mit Glanzspray.

Das Bild, das sich dem Fernsehzuschauer präsentiert: Gilli, der charmante Gastgeber.
Aebischer, der ehemalige «Tagesschau»-Mann mit dem blendenden TV-Strahlen.
Rickli, die adrette PR-Frau.

Und Gerhard Pfister. Er ist nervös und ungeschminkt, ein Schatten scheint über seinem Gesicht zu liegen. Einen Sekundenbruchteil zu spät zieht er die Mundwinkel nach oben. Der bürgerliche Finsterling ringt sich ein Lächeln ab.

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