Die schwarzen Brüder

Die schwarzen Brüder

David Jäger ist angehender Pfarrer, sein Bruder Lukas alias Dagobert urbaner Schnulzensänger. Letzterer ist längst aus der Kirche ausgetreten. Dennoch verbindet die beiden das Interesse an existenziellen Fragen.

Bref, 15. Januar 2016. Text: Joel Bedetti. Bilder: Roshan Adihihetty.

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Der Schlagersänger Lukas ­Jäger alias Dagobert, ein hochgeschossener 33jähriger mit kantigem Gesicht, steht im leeren Basler Münster. Weihnachtliche Orgellieder donnern durchs hohe Kirchenschiff – es ist der Vormittag des 24. Dezember; am späten Nachmittag wird eine Heiligabend-Vesper stattfinden. Auf die Frage, wann er zuletzt in einer Kirche gewesen sei, scheint Dagobert, in hohe Stiefel, Lederhosen und -jacke gekleidet, die Jahre auszurechnen, bis er plötzlich innehält. «Vor zwei Monaten, als mein bester Freund gestorben ist.» Dieser sei sturzbetrunken von einem Taxi überfahren worden, erzählt Dagobert. Das sei schon ein paarmal fast passiert, aber er hatte immer Glück. Dagobert denkt nach. «Wenn ich sterbe, will ich kein Begräbnis. Von mir aus könnte ich einfach spurlos verschwinden.» Dagobert dreht sich zu seinem Bruder David, der sich umgezogen hat und im Talar herantritt. David Jäger ist an­gehender Pfarrer im Vikariat am Basler Münster. «Wow.» Dagobert grinst. Dann posieren sie fürs Foto auf einer jahrhundertealten Kirchenbank, zwei Brüder im schwarzen Gewand.

Eine Stunde zuvor sind die beiden zum Gespräch in einem Sitzungszimmer der Basler Münsterkirche eingetrudelt. Dagobert, der in Berlin lebt, praktisch direkt vom Flughafen, David, bärtig und in modischem Wintermantel, von seiner nahegelegenen Wohnung; zwei coole Männer in ihren Dreissigern, die irgendwie noch Jungen geblieben sind. Wobei sich einer das mehr erlauben kann als der andere. Seit Lukas unter seinem Künstlernamen Dagobert 2014 sein Débutalbum veröffentlicht hat, ist er vor allem in Berlin, aber auch unter anderem Grossstadtvolk ein popkulturelles Phänomen: Er macht Schlager aus der Welt der Grossstadt («Morgens um halb vier»), besingt Romantik ohne Kitsch. Seine Musik verleitete die Kritiker zu ellenlangen, begeisterten Analysen, die im Gegensatz zum wortkargen Dagobert stehen, der sich gern als «Bauchmensch» bezeichnet und, wie er behauptet, nicht gross über sein Werk nachdenken mag.
David nimmt eine Oettinger-Bier­dose hervor und öffnet sie zischend. «Kommst du später auch zum Vespergottesdienst?» fragt David seinen jüngeren Bruder. Der lächelt unschlüssig (wird aber kommen und mitfeiern, wie sein Bruder später am Telefon erzählt).
Dagobert trat mit 18 Jahren aus der Kirche aus. «Ich sah keinen Sinn darin», meint er achselzuckend, ohne jeglichen Groll, «ich fand die Weihnachtsgeschichte zum Beispiel einfach langweilig.» Auch David kam nicht auf direktem Wege zur Kirche. Er studierte Illustration an der Kunsthochschule Luzern, doch mit 27 Jahren vernichtete eine Überschwemmung seine Zeichnungen. «Meine Existenz wurde sozusagen ausradiert, ich konnte mich noch einmal neu erfinden», erzählt er. Er fing ein Philosophiestudium in Basel an, weil ihn die grossen Fragen des Lebens immer interessiert hatten. Doch er stellte fest, dass die zeitgenössische Philosophie eher Logik- und Sprachspielerei war, als existenzielle Sinnsuche betrieb, deshalb wechselte er zur Theologie.

Von den fünf Geschwistern in ihrer Familie, sagen die beiden, seien sie sich am nächsten, obwohl ihre Biografien in ganz unterschiedliche Richtungen driften. David ist seit 2007 verheiratet, hat zwei kleine Kinder, wird demnächst Pfarrer. «Schön an der Kirche ist, dass hier gute Ideen gefragt sind», meint er, «ganz im Gegensatz zur Kunstwelt zum Beispiel, wo sich so viele Köpfe mit vielen Ideen konkurrenzieren.»
Bruder Dagobert, vom Feuilleton bejubelt, hat von seiner ersten CD nur 3500 Stück verkauft und ist chronisch pleite. Er lebt in der Wohnung einer Freundin, generell von der Hand in den Mund, und die Frage nach einer Beziehung entlockt ihm nur ein Grinsen. «Ich hab’s probiert und festgestellt, dass das bei mir nicht funk­tioniert.»
Rebellisch waren sie als Teenager beide. David trug im Gegensatz zu den älteren Geschwistern lange Haare und Lederjacken und hörte Heavy Metal; ein Lebensstil, dem sein jüngerer Bruder, das Nesthäkchen der Familie Jäger, folgte. Unter der Lederjacke trägt Dagobert ein Fanshirt von Uli von Roth, dem ­Gitar­risten der deutschen Hardrock-Band Skorpions.

Delphine und Wiedergeburt

Am Stephanstag treffen sich die beiden mit dem Rest der Familie im Elternhaus im aargauischen Waltenschwil zu Kaffee und Kuchen; eine Zusammenkunft, die sich nur alle paar Jahre ergibt. «Von den älteren Geschwistern habe ich im Grunde nicht so viel mitbekommen, weil sie viel älter waren», erzählt Dagobert. Wenn sie zusammenkommen, sei es aber trotzdem lustig. Die Jägers sind weiss Gott auch ­keine konventionelle Familie. Der älteste Bruder ist ein klassisch ausgebildeter ­Tenor und singt unter anderem in der Pop-Klassik-Gruppe Il Quattro. Der zweit­älteste Bruder arbeitet in der Aids­prävention. Die Schwester, das mittlere Kind, ist im Forschungsmanagement des Kantonsspitals Aarau tätig. Die bunten Lebensläufe sind sicher auch durch die liberale Erziehung der Jägers zu erklären: Die Eltern, sagt Dagobert, hätten ihnen in erster Linie beigebracht, das zu tun, was sie glücklich mache. Unkonventionell seien die Eltern auch in ihrer Religiosität, erzählen die beiden. Ihr Vater, ein pen­sionierter Metzger, sei ein in der Kirchenpflege und Chor engagierter, aber tole­ranter Katholik. Die Mutter hingegen, erzählen die zwei Brüder grinsend, sei esoterisch veranlagt, widme sich ihrem Kräutergarten und glaube an Delphine, die auf andere Planeten wandern.

Auch wenn die Jägers keine Kirchenfestigkeit von ihren Kindern verlangten – ein Grübeln über den Sinn des Lebens scheinen sie bei ihren zwei jüngeren Söhnen freigesetzt zu haben. «Mit Mutter führten wir lange Gespräche darüber, ob sie wirklich an diese Dinge glaubt, zum Beispiel an die Wiedergeburt», erzählt David Jäger. Er und Dagobert lasen viel Nietzsche und diskutierten darüber. Mit 22 zog sich Dagobert fünf Jahre lang in ein abgelegenes Bündner Bergdorf zurück. Er ernährte sich fast nur von Reis, fastete tagelang, versank in eine Gedankenwelt, die sich um Nietzsche drehte, dessen Bücher neben einer Kollektion von Donald-Duck-Taschenbüchern (von dort kommt der Name Dagobert) seine einzigen Habseligkeiten waren. «Irgendwann merkte ich, dass ich aufhören musste zu denken, weil sich die Gedanken nur noch um den Tod drehten», erzählt Dagobert. «Also dachte ich an nichts mehr, lief im Kreis und konzentrierte mich auf die Musik.»

Ein Vermächtnis dieser langen Klausur wartet noch auf die Veröffentlichung. Auf den zwei bisherigen Alben singt Dagobert fast ausschliesslich Liebeslieder. Doch in seiner musikalischen Schatztruhe ruhen Songs über den Tod, die in den Bergen entstanden. Irgendwann will er sie in einem Konzeptalbum veröffentlichen. Album of Death soll es heissen. Und auch David Jäger hat eine Idee, die sich um den Tod dreht. Am Karsamstag würde er im Münster gerne «essenzloses DeathCafé» veranstalten, das Nahrungsmittel ohne ihre Wirkstoffe anbietet, zum Beispiel koffeinfreien Kaffee und alkohol­freies Bier – als Metaphern für ein essenzloses Leben, weil Jesus an diesem Tag fehlte. Und am Karsamstag-Gottesdienst, spinnt David Jäger seine kühne Idee weiter, soll anstatt der üblichen Orgelmusik die Metalband Kreator spielen.

dagobert4_bearbeitet Kopie

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