Dörf ich Ine öppis i d Hand trucke?

Sie hat nur eine Ameisenchance, dafür macht sie die Ochsentour. Im Wahlkampf mit Priska Seiler Graf, Listenplatz 9 der Zürcher SP.

Das Magazin, 3, Oktober 2015. Text: Joel Bedetti. Bilder: Anoush Abrar.

Hier gehts zum PDF: Das Magazin_Priska Seiler Graf

Am Samstag, 12. September, versammelt sich im aargauischen Turgi die Spitze der Schweizer Sozial­demokratie zum Wahlkampfauftakt. Parteichef Christian Levrat, die Bundesräte Sommaruga und Berset, Parlamentarier und ein Tross Journalisten begeben sich auf eine historische Brücke, wo EU-Ratspräsident Martin Schulz eine Rede zur Flüchtlingskrise hält. Christian Levrat warnt vor einem Rechtsrutsch, wenn die Schweiz am 18. Oktober ihr Parlament wählt, und der Historiker Jakob Tanner fordert Utopien fürs 21. Jahrhundert.

Zur selben Zeit sitzt Priska Seiler Graf im Fond eines Mobility-Autos, das vor einer Ampel zwischen Opfikon und Wallisellen zum Halten kommt. Seiler Graf ist Nationalratskandidatin der SP Kanton Zürich. «Hey, da ist ja der Martin», ruft sie und zeigt durchs Seitenfenster auf ein Plakat, von dem ihr freisinniger Kantonsratskollege Martin Farner lächelt.

Links hängt die neue SVP-Werbung. «Frei bleiben?», brummt Felix Hoesch, Platz 31 auf der Nationalratsliste der Zürcher SP und der Fahrer des Mobility-Autos. «Frei von Verstand, wahrscheinlich.»
«Wo ist unser Stand?», fragt Julia Gerber Rüegg (Listenplatz 18).
«Was wars noch mal, Migros oder Coop?»
«Jetzt seh ich ihn!»
«Cooles Zelt, wo haben die das her?», fragt Mattea Meyer (Listenplatz 4).

Im Zelt warten drei Männer von der SP Wallisellen. Sie haben Kürbissuppe mitgebracht, aber dafür ist es etwas heiss. Stattdessen greifen die Kandidierenden zu SP-Schorlen (eine rötliche Mischung aus Apfelsaft und Himbeersirup) und bringen die Getränke unter das spärlich anwesende Wahlvolk. «Man muss immer etwas zum Essen oder zum Trinken mitgeben.» Priska Seiler Graf lacht. Wie oft in diesen Tagen ist sie in marineblauen Hosen, blau-weissem Pullover und silbernem Schmuck unterwegs. Eine Frau mit Windjacke und Postiwägeli, die nicht den Eindruck macht, die Kernwerte der SP zu teilen, löffelt ungerührt einen Becher Kürbissuppe, während Mattea Meyer sich und ihre Partei zur Wahl empfiehlt. Priska Seiler Graf sucht in ihrer Handtasche nach einem Gummibärchen für ein Kind. «Ist das Kind glücklich, wählt die Mutter SP», sagt sie und grinst. «Lächeln!», ruft die Fotografin

Am Morgen ist das Mobility-Auto mit den sozialdemokratischen Insassen zur «SP on the Road» aufgebrochen, einer Tour durchs stockbürgerliche Zürcher Unterland. Erste Station war Seiler Grafs Heimatstadt Kloten, wo sie den Kollegen das Sitzungszimmer des Stadtrates zuoberst im Verwaltungsblock zeigte. Von dort hat man freie Sicht auf den Flughafen, um den sich vieles in dieser Stadt und auch in Priska Seiler Grafs Leben dreht. Weiter ging es nach Opfikon, dem Ort mit dem zweithöchsten Ausländeranteil im Kanton (und einem der höchsten SVP-Anteile), wo das Politikergrüppchen vor der Migros Wahlprospekte an Leute in Trainerhosen verteilte. Am Nachmittag endet die Tour in Dübendorf auf einem Parkplatz.

Seit vier Wochen steht Priska Seiler Graf, die soeben 47 Jahre alt geworden ist, im Wahlkampf. Dem Wahlkampf ihres Lebens.
Sie hat am Quartierfest Riesbach im Zürcher Seefeld die Kasse gehütet, während Mattea Meyer Rösti briet.
Sie hat am Chreis Nüün Fäscht am SVP-Stand mit einer Armbrust auf einen Apfel geschossen (und fast getroffen).
Sie hat für unzählige Gruppenfotos vor SP-Ständen posiert. «Lächeln», hat die Fotografin einmal gerufen, «Wahlkampf ist geil!»
Sie hat sich und ihre Partei mit roten Blumen, Schleckstengeln, Feuerzeugen, Äpfeln und Basler Läckerli zur Wahl empfohlen.
Sie hat am Markt in Meilen das neue Buch ihres grössten Konkurrenten Tim Guldimann gekauft (Listenplatz 10) und von ihm signieren lassen.
Sie hat sich in Thalwil das schlüpfrige Gedicht eines alten Mannes in weissen Turnschuhen angehört.

Und das alles für eine Kandidatur, deren Chancen in der Partei mal skeptisch, mal ermunternd als «intakt» bezeichnet werden. Eine von 3500 Kandidaturen in diesem Herbst. Für 200 Nationalratssitze. Aber für Priska Seiler Graf ist es die beste Chance, die sie vermutlich je bekommen wird.

Der Charme der Kläranlage

Rüti im Zürcher Oberland, drei Monate zuvor. Im grossen Saal des «Löwen» findet die Delegiertenversammlung der Kantonalpartei statt. Kaffeetassen klimpern, Parteipräsident Christian Levrat hält aufgeräumt eine Rede. Aber viele der 200 anwesenden Genossinnen und Genossen hören nicht richtig zu. Mit den Gedanken sind sie schon beim Haupttraktandum: Heute werden die Nationalratskandidaten nominiert.
Priska Seiler Graf sitzt mit ihrer Entourage aus dem SP-Parteibezirk Bülach an einem Tisch vorne rechts bei der Bühne.

Über zwanzig Jahre Ochsentour hat sie hinter sich, der lange Marsch durch die Gremien des föderalistischen Systems. Mit 24 trat sie der SP bei, ihr erstes Amt war Stimmenzählerin. Mit 30 wurde sie in den Klotener Gemeinderat gewählt, mit 37 in den Zürcher Kantonsrat, vor fünf Jahren in den Stadtrat von Kloten. Sie ist dossierfest, wie überall versichert wird, interessiert sich brennend für die technischen Details der Kläranlage, die derzeit in ihrer Stadt gebaut wird. Und doch hat sich eine Routine eingeschlichen. Dieselben Köpfe, dieselben Debatten. Priska Seiler Graf ist reif für die höchste Stufe im hiesigen Politbetrieb: Bundesbern.

Eigentlich hätte sie gern noch vier Jahre gewartet. Dann wären die beiden älteren Kinder mit der Schule fertig und der sechsjährige Nachzügler Alex selbstständiger. Doch eine Karriere als Politikerin, das hat Seiler Graf in all den Jahren gelernt, heisst: Eine Chance nutzen, wenn sie sich bietet. An der Spitze der Zürcher SP hat es so viel Luft gegeben wie schon lange nicht mehr. Der zusätzliche Nationalratssitz, den der Kanton Zürich wegen des Einwoh­nerzuwachses bekommt, könnte an die SP gehen. Jacqueline Fehr ist im April in den Regierungsrat gewählt worden und gibt ihr Mandat auf. Andreas Gross tritt ab. Und Daniel Jositsch ist aussichtsreicher Kandidat für den Ständerat. Würde er in die kleine Kammer ziehen, könnten gleich vier Sitze vergeben werden.

Im «Löwen» haben die von der Geschäftsleitung gekürten Kandidaten drei Minuten Zeit, um sich vorzustellen. Seiler Graf wartet auf ihren Auftritt. In der Hand hält sie das Manuskript ihrer Rede, die sie zu Hause geübt und ihrem Mann Thomas vorgelesen hat. In alphabetischer Reihenfolge betreten die Parteigspänli die Bühne und erzählen Geschichten von erlebter Ungerechtigkeit, sexueller Selbstfindung und eigenen Migrationshintergründen, die genau sie dazu bestimmten, in den Nationalrat zu ziehen. Dann ist Seiler Graf dran. «Liebe Genossinnen und Genossen, ich bin ein Agglokind», sagt sie und erzählt vom Zürcher Unterland, einem beinharten Terrain für Sozialdemokraten. «Wenn ihr mal in Bülach Unterschriften für die 1:12-Initiative gesammelt habt, wisst ihr, was es heisst zu kämpfen.» Sie habe nie gedacht, fährt sie fort, welchen Charme eine Kläranlage versprühen kann. «Aber zugleich habe ich in all den Jahren gemerkt: Entschieden wird schlussendlich in Bern.» Die Ansprache wirkt echt, der Applaus ist warm.

Eine gelungene Rede ist nur die halbe Miete. Viele Delegierte haben längst entschieden, wen sie wählen. Und wen nicht. Im Rennen um den Nationalrat kommt es auch bei den Sozialdemokraten in erster Linie auf eines an: die Machtbasis in der Partei. Die zahlreichen und gut organisierten Delegierten aus Zürich und Winterthur drücken ihre Kandidaten auf einen der vorderen Listenplätze. Derzeit kommen sechs von sieben Zürcher SP-Nationalräten aus diesen Städten. Einige ländliche Bezirke versuchten vor der Nomination, sich auf zwei oder drei Kandidaten zu einigen, um dagegenzuhalten. Priska Seiler Graf wäre eine dieser Kandidatinnen gewesen. Doch die Bezirkspräsidenten konnten sich nicht einigen.

Dennoch stehen Seiler Grafs Chancen nicht schlecht. Ihr Bezirk Bülach ist der drittgrösste nach Zürich und Winterthur. Ruedi Lais, ein 61-jähriger Kantonsrat aus Bülach, hat sich nach mehreren Nationalratskandidaturen schweren Herzens aus dem Rennen genommen, um die Chancen seiner jüngeren Genossin zu erhöhen. Und: Priska Seiler Graf hat keine Feinde. Von den offenen Rechnungen, die heute im «Löwen» beglichen werden, betrifft sie vermutlich keine. Sie lebt die Sozialdemokratie – denkt fürs Team, selbst an Wahlkampfveranstaltungen, drängt sich nicht in den Vordergrund.

Der stille Schock der Enttäuschten

Seit einer Ewigkeit sitzen die Stimmenzähler im Hinterzimmer. Das Geraune im Saal wird lauter. Auch Priska Seiler Graf ist angespannt. Sie muss unter die ersten zehn Plätze kommen, dahinter kann sie es gleich vergessen. Sie hofft auf den achten Platz, vielleicht sogar den siebten, dann wäre sie so gut wie gewählt. Für Kandidaten, die keine Medienlieblinge sind, ist ein guter Listenplatz alles. Die Journalisten am anderen Ende des Saales plaudern mit den Promis: Daniel Jositsch oder Tim Guldimann, dem Ex-Botschafter in Berlin, der neu kandidiert. Seiler Graf erhält einen Anruf aus Kloten, wo sie das Sicherheitsdepartement führt. Eine Strassensperre hat einen Stau verursacht.

Endlich. Die Stimmenzähler kehren zurück in den Saal. Auf der Leinwand erscheint die Nationalratsliste 1 der Zürcher SP, eine simple Aufstellung von 18 Namen, die über politische Karrieren entscheidet. Aufatmen, leiser Jubel und der stille Schock der Enttäuschten erfüllen den Raum. Die 27-jährige Mattea Meyer landet auf dem vierten Platz. «Kennst du die?», raunt einer am Pressetisch. Angelo Barrile, Hausarzt und Seiler Grafs bester Freund im Kantonsrat, liegt auf Rang 7, höher als erwartet. Tim Guldimann, kein Liebling der bodenständigen Genossen, landet auf Rang 10.

Priska Seiler Graf starrt perplex auf die Liste. Neunter Platz. Die Bülacher Genossen gratulieren. Bis auf Ruedi Lais. Dank seiner kühlen Kalkulationen nennt man ihn das Wahlorakel. «Wie ich vor vier Jahren», sagt Lais. «Du schaffst es nicht.» Zum Schluss posieren die 18 Nominierten mit Blumenstrauss fürs Gruppenfoto. Mattea Meyer und Angelo Barrile strahlen. Seiler Graf steht am Rand und starrt in die Ferne.

Zu Hause rechnet sie das Ergebnis mit ihrem Mann Thomas, ebenfalls SP-Mitglied, durch. Wenn die SP den achten Sitz holt und Glamour-Kandidat Guldimann nicht das Feld von hinten aufrollt, würde sie erste Ersatzkandidatin. Schafft es Daniel Jositsch in den Ständerat, würde sie in den Nationalrat nachrücken. So schlecht sehe es nicht aus, meint Thomas. Beim Abendessen fragt Seiler Graf die Kinder, ob sie mit einer Kandidatur einverstanden wären. Viviane, 16, hat keine Einwände. Philip, bald 18, wird an seiner ersten Wahl für seine Mutter stimmen. Alexander, 6, findet es lustig, wenn er Mamas Foto auf Inseraten sieht. Thomas, Sekundarlehrer, schmeisst bis am 18. Oktober den Haushalt. Und würde im Fall einer Wahl sein Pensum reduzieren. Priska Seiler Graf weiss: In vier Jahren werden die Neuen an ihren Sesseln kleben. Und sie ist jetzt, mit 47, im besten Alter. Bisher hat sie alle Wahlen gewonnen. Aber dieses Mal wird es knapp. Sie wird kämpfen müssen.

Gipfeli in Wallisellen

Ein Augustabend in Kloten, Sportanlage Stighag. In der Dämmerung rennen Fussballerinnen übers Feld. Priska Seiler Graf, wie oft mit zwei Handtaschen unterwegs, geht auf das Hauptgebäude zu. Im Versammlungszimmer des SP-nahen FC Kloten findet die Sitzung ihres Wahlteams statt. Die Sommerferien sind vorbei, der Wahlkampf zieht an. Seiler Graf stellt Cola Zero und Chipstüten auf den Tisch, während eine Handvoll Genossen der Sektion Bülach eintrudelt.

Wahlteamleiter Philipp Flach, mittleres Bankkader, verteilt das ausgedruckte Budget. Weil die SP nicht auf Spenden aus der Wirtschaft zählen kann, finanziert sich die Partei durch einkommensabhängige Mitgliedergebühren. Zudem müssen sämtliche Mandatsträger, selbst die Bundesräte, einen Anteil ihres Gehalts abgeben. Für den Wahlkampf des Bezirks Bülach sind 66’742 Franken budgetiert. Plakate für 32’610 Franken. Inserate für 6079 Franken. 960 Himbeer-Apfel-Schorlen für 1200 Franken.
Aber erst einmal müssen die Genossen machen, was sie gar nicht gern tun: sparen.
«Wir haben weniger gesammelt als geplant», sagt Flach, «wir müssen 4000 Franken runter. Bei den Inseraten zum Beispiel.»

Seiler Graf schüttelt den Kopf. «Nein, nein, nein. Bei den Inseraten wird nicht gespart.»
«Kann nicht die Kantonspartei etwas beitragen?», fragt Webmaster Michèle Dünki, eine junge Bibliothekarin mit Faible für Metal Music.
«Keine Chance», erwidert Seiler Graf, «die brauchen ihr Geld für die Ständeratskandidatur von Jositsch.»
Sie schlägt vor, 2000 Franken für eine Postkartenaktion zu streichen. Und die Ortssektionen ohne eigene Kandidaturen um Geld zu bitten. «So können die sich ein bisschen Ablass kaufen.» Ganz in die schwarzen Zahlen kommt man so noch nicht, aber Seiler Graf winkt ab. «Wir haben noch genug in der Bezirkskasse, sonst zahl ich selber drauf.» Sie will die Inserate, denn die Bauern und Hausbesitzer werden ihre Areale mit SVP- und FDP-Plakaten zukleistern, für die SP werden ein paar öffentliche Plätze übrig bleiben. Das muss Priska Seiler Graf mit physischer Präsenz wettmachen. Flugblatt­aktionen an Bahnhöfen zum Beispiel, denn ÖV-Fahrer sind tendenziell links.

«Wollen wir die Schorlen am Morgen verteilen?»
«Am Morgen will doch keiner Schorle.»
«Also Schorle am Abend und Gipfeli am Morgen.»
«Gipfeli in Glattbrugg und Schorle in Bülach?»
«Also gut, am 23. September in Glattbrugg?»
«Dann habe ich Sozialbehördesitzung.»
«Am 22.?»
«Dann ist bei uns Stadtfest, und wir haben einen Stand.»
«Herrgott, die ganze Zeit sind irgendwelche Feste.»
«Man würde besser feiern, nachdem man gewählt ist.»
«Am 29. Gipfeli in Wallisellen?»
«Mist, ich kann doch nicht. Fraktionssitzung.»
«Das ist der Horror», murmelt Seiler Graf und fährt sich durch die Haare.

Es ist dunkel, als die Sitzung fertig ist. Priska Seiler Graf geht mit Michèle Dünki zum Parkplatz. Sie war Dünkis Mentorin, als diese in die Partei eintrat. Jetzt ist Dünki erste Ersatzkandidatin für den Kantonsrat. Wird Seiler Graf nach Bern gewählt, rückt Dünki nach. Sie umarmen sich zum Abschied und schliessen per Fernbedienung ihre Autos auf. Hier draussen fahren auch Sozialdemokraten Auto, Familie Seiler Graf einen umweltschonenden Toyota Prius. Ein Flugzeug dröhnt über die Köpfe hinweg, so tief und langsam, als könnte es jederzeit abstürzen.

Sie spüre, wie sich der Druck aufbaue, sagt Seiler Graf, als sie durchs nächtliche Kloten fährt. «Jeden Tag ist was los, und ich will meine anderen Ämter nicht vernachlässigen.» Es ist ihr vierter Wahlkampf in zwei Jahren: für den Klotener Stadtratssitz, für die parteiinterne Ausmarchung der Regierungsratskandidatur (sie verlor gegen Fast-Bundesrätin Jacqueline Fehr, schnitt aber besser ab als Chantal Galladé), für den Kantons- und nun den Nationalrat.

Kantonsratswahlkampf kann Seiler Graf im Schlaf: Standaktionen, eingespieltes Geplänkel auf Podien mit der lokalen SVP. Aber jetzt spielt sie in einer anderen Liga.
Erschrocken sah sie, wie die Stadtzürcher Kandidaten noch am Samstag der Nomination ihre Webseiten aufschalteten, am Sonntag ihr Unterstützungskomitee bekannt gaben und am Montag den ersten Newsletter verschickten. Am Anfang rief sie oft im kantonalen Sekretariat an: Wie organisiere ich jetzt das, wo kriege ich diesen Flyer? Sie liest jetzt aufmerksam den «Tagi», markiert Artikel mit Leuchtstift, wie sie glucksend gesteht, um über die EU-Verhandlungen und die Flüchtlingskrise auf dem neuesten Stand zu sein. «Zuerst dachte ich: Jetzt probierst du es einfach mal. Irgendwann merkst du aber, wie viel du schon investiert hast.»

Röntgenplatzfest in Zürich. Priska Seiler Graf steht mit Daniel Jositsch, Angelo Barrile (Listenplatz 7) und Thomas Hardegger (Listenplatz 3) an der SP-Bar, reicht Turbinenbräu-Flaschen über die Theke. Auf der Bühne rappt Skor (Seiler Graf: «Nie gehört»), die Besucher stehen Schlange an tamilischen und afrikanischen Essenständen. Zürcher Kreis 5, eine linke Bastion. Hier müsste Seiler Graf Stimmen machen. Denn die ihrer Hausmacht, der SP-Wähler im Bezirk Bülach, reichen längst nicht für einen Nationalratssitz.

Doch was soll sie machen? Skor fragen, ob er sie auf der Bühne zur Wahl empfiehlt? Den Leuten beim Essen Flyer zustecken? Die Platzhirsche markieren Präsenz. Der Grüne Bastien Girod sammelt Unterschriften für die Velo-Initiative, der Spitzenkandidat der Alternativen Liste, Markus Bischoff, schleppt eine Bierkiste, grüsst links und rechts Freunde. Das ist ihr Territorium, ihre Wählerschaft, gebündelt in Netzwerken wie dem Mieterverband, dem VCS und Pro Velo, in denen die linken Politiker aus der Stadt sitzen. Priska Seiler Graf ist lediglich Präsidentin des Dachverbands Fluglärmschutz.

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Was soll ich denn posten?

Sie müsste von sich reden machen. Sie müsste in den Zeitungen präsent sein, im Internet, am besten im «SonnTalk» von TeleZüri, der auch bei den Linken als härteste Wahlkampfwährung gilt. Wer als Journalist das Dossier Flughafen betreut, kommt um Priska Seiler Graf kaum herum. Aber im Wahlkampf 2015 geht es weniger um Dossierkenntnisse als um das Plüschtier Willy und Halligalli-Videoclips und Twitterbilder von Standaktionen, die fast in Echtzeit in die Social-Media-Kanäle gespeist werden und oft wichtiger scheinen als die Standaktionen selbst. Priska Seiler Graf ist nicht auf Twitter. «Ich weiss doch nicht, was ich posten soll», lacht sie.

Politik war immer schon Inszenierung. Aber heute ist sie eine Seifenoper, in der es um rätselhafte Nächte mit Sex und K.-o.-Tropfen geht, um Autounfälle und öffentlich inszenierte Gefühle. «Man muss eine Rolle einnehmen, wenn man in den ‹SonnTalk› kommen will», sagt Ruedi Lais, auch er ein Dossierkenntnis-Politiker, «als Provokateur oder Experte. Man muss eine Geschichte erzählen. Priska ist eine heterosexuelle Familienfrau aus der Zürcher Agglomeration. Nicht mal einen Migrationshintergrund hat sie. Etwas Langweiligeres gibt es für Tele Züri kaum.»

Jacqueline Badran, wortgewaltiger Stammgast im «SonnTalk», stapft im schwarzen Ledermantel ins SP-Barzelt am Röntgenplatzfest. «Du musst mithelfen», ruft Jositsch, die Schlange vor der Bar wird länger. «Kaum muss er mal arbeiten, ist der Jositsch im Stress», ruft Badran (Listenplatz 2) und lacht. Dann zum Schreibenden: «Bisch Journi?» Dieser unterhält sich gerade mit Thomas Hardegger. Badran drängt sich dazwischen und klemmt dem sanften Hardegger das Wort ab. Wahlkampf ist Kampf, erst um Listenplätze, dann um Aufmerksamkeit. Ob der Vermutung, dass es unaufällige Ochsentour-Politiker schwer haben, in die Medien zu kommen, zuckt Badran die Schultern. «Man muss halt auch etwas zu sagen haben.»

Auf der Suche nach dem Thema

Also: Was hat Priska Seiler Graf zu sagen? Sie wohnt in einem Mehrfamilienhaus am Rand von Kloten. Vor der Haustüre liegen Skateboards, drinnen im Wohnzimmer zeugt ein übervolles Anschlagbrett vom Leben einer Familie mit zwei Erwerbstätigen, drei Kindern und zwei Katzen. Sie serviert Nespresso und stellt Guetsli auf den Küchentisch.
Just an diesem Vormittag diskutiert der Nationalrat die Asylgesetzrevision, während sich in Europa ein historisches Flüchtlingsdrama abspielt. Auch Seiler Graf ist erschüttert. Aber was könnte sie Neues sagen? Ebenso interessiert sie sich stark für die Europafrage. Aber da ist Tim Guldimann, Seiler Grafs Konkurrent von Listenplatz 10, wohl erfahrener.

In Bern würde sie realistischerweise mit Flughafenpolitik anfangen. Sie ist keine zwingende, sondern eine mögliche Nationalrätin, was sie nicht bestreitet. Aber in einer Fraktion, findet sie, müsse es auch Platz für die Stillen haben. «Es braucht eine Badran, aber mit lauter Badrans funktioniert es nicht.» Sie könnte eine der guten Seelen der Fraktion sein. «Ich wäre fähig, Allianzen zu schmieden.» Denn Priska Seiler Graf kann mit dem politischen Gegner. Schon vom Auftreten her, hört sie immer wieder, könnte sie eine Bürgerliche sein. Und wenn Seiler Graf in ihren bald zwanzig Jahren Politik etwas gelernt hat, dann das: mit einer bürgerlichen Mehrheit umzugehen. Sie hat gelernt zu taktieren, herzlich zu bleiben, sodass man ihr auch mal einen Gefallen tut, weils halt die Priska ist. René Huber, SVP, Stadtpräsident von Kloten, sagt, sie schaffe es, ihre Anliegen so zu gestalten, dass immer etwas hängen bleibe. So was lernt man nicht am Zürcher Röntgenplatz. In einem Nationalrat, der am 18. Oktober seine Mitte-links-Mehrheit vermutlich verliert, könnte ihre Partei eine Priska Seiler Graf tatsächlich gebrauchen.

Mit 17 Jahren schwänzte sie die Schule, fuhr nach Bern und schaute von der Galerie des Bundeshauses den Nationalräten der revolutionären Poch zu, für die sie schwärmte. Sie war enttäuscht. «Anstatt zu debattieren, lasen sie den ‹Blick›». Heute weiss sie, dass man den «Blick» lesen musste, um informiert zu sein. Inzwischen ist ihr auch bewusst, dass die Drehbücher für die Debatten in den Hinterzimmern geschrieben werden. Doch das Bundeshaus hat nichts an Faszination verloren. «Es war doch ein … erhabenes Gefühl», sagt sie. «Dort werden die grossen Entscheide gefällt.»

Und natürlich ist da der Glamour von Bundesbern.

«Natürlich», sagt Seiler Graf. «Bern öffnet Türen.»
«Grüezi mitenand, mein Name ist Rosmarie Quadranti, BDP, ich bin jetzt vier Jahre im Rat, und es gibt noch viel zu tun …»
«Guten Abend, mein Name ist Barbara SchmidFederer, ich bin Nationalrätin mit Leib und Seele …»
«Mein Name ist Kathy Riklin, ich bin seit 15 Jahren im Rat und habe immer noch viel Freude daran …»
Freiwillig wird keine dieser Kandidatinnen ihren Sitz für Priska Seiler Graf räumen.
Hotel Glockenhof nahe der Zürcher Bahnhofstrasse. Es ist Ende August, Wahlabend der Frauenzentrale, die Frauen in Bundesbern fördern will. Priska Seiler Graf ist an der Reihe. Eine Minute hat sie Zeit sich vorzustellen, dann bimmelt die Glocke.

Bei den Grossen

«Guten Abend, mein Name ist Priska Seiler Graf, ich werde am Samstag 47 Jahre alt. Politisiert wurde ich, als Lilian Uchtenhagen nicht in den Bundesrat gewählt wurde.» Dann verheddert sie sich in Ausführungen über den Kantonsrat, der sie müde gemacht hat, BIMMELBIMMEL! «… weil am Schluss alles in Bern entschieden wird!», schliesst sie und lacht. Gerade noch die Kurve gekriegt.

Minuten zuvor war Priska Seiler Graf im gepunkteten Abendkleid angekommen. Sie stand etwas verloren im Saal, in dem ein Hauch von Rotary Club zu spüren ist. Grüner Teppich, holzgetäfelte Wände, Namensschilder, Damen im Zweireiher. Sie schüttelte Hände, fahrig, eine Spur unsicher. «Ich habe sonst kein Problem mit Auftreten», sagt Seiler Graf, «aber das sind halt die Grossen. Da habe ich schon noch Respekt.» Nicht nur amtierende Nationalrätinnen sind gekommen, sondern auch die ehemalige CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl, als Kämpferin für die Frauen ein Idol für Seiler Graf. Diese blickt unentschlossen um sich. Maja Ingold, EVP-Nationalrätin, steht im grauen Anzug neben ihr. «Seiler Graf», sagt Seiler Graf und streckt die Hand aus. «Maja Ingold», erwidert Maja Ingold kühl und bahnt sich ihren Weg zu einem Tisch.

Nach der Veranstaltung, die mit einer Publikumsdiskussion über Lohngleichheit endet, erhalten die Kandidatinnen einen Wellness-Gutschein. Seiler Graf findet das «läss». Die Frau, die die Couverts verteilt, erzählt, Kathy Riklin habe das keine gute Idee gefunden, sie habe doch keine Zeit für so was. «Ja, so schlimm sollte man es dann doch nicht haben als Nationalrätin», sagt Seiler Graf und lacht.

Was, wenn sie es nicht schafft?

Dann, sagt sie, würde sie gern noch eine Weile Stadträtin in Kloten bleiben. Sie könne sich vorstellen, danach die Politik hinzuschmeissen und wieder eine Sekundarklasse zu unterrichten. «Es wäre kein Weltuntergang», sagt sie. «Ich bin mit dem zufrieden, was ich habe.» Stadträtin, Kantonsrätin. Eine Familie. «Es gibt schlimmere Lebensbilanzen.»

Doch Priska Seiler Graf ist ehrgeiziger, als es auf den ersten Blick scheint. Als Teenager trainierte sie fünfmal pro Woche Ballett. Dann entschied sie sich dagegen, das Gymnasium für eine Profikarriere aufzugeben, die nach ein paar Jahren vorbei sein würde. Sie holte die Ballettausbildung nach dem Studium nach, für eine Profikarriere war es längst zu spät. Es fuchst sie heute noch ein bisschen. Eine Zeit lang gab sie in Kloten Ballettstunden. Dann zog sie mit Thomas zusammen. Als sie 29 war, kam Philip auf die Welt. Mit 30 wurde sie in den Gemeinderat gewählt. Die Zeit der Kläranlagen begann. Und jetzt, nach jahrelangem Dienst für Partei und Volk, leuchtet die Bundeskuppel am Horizont.

Der Sarg und das Loch

Mitte September sitzt sie im Volkshaus Zürich vor einem Bier. Sie kommt von einem Podium über Geothermie, auf dem sie mit dem GLP-Nationalrat Thomas Maier sass. Wenn es diesmal nicht klappe, meinte Thomas Maier, tue sich vielleicht 2019 etwas auf. «Aber das stimmt nicht», sagt Seiler Graf. «Bei uns tritt man nur im Sarg zurück.» Sie lacht und biegt ihren Oberkörper vor und zurück, dass man fast Angst bekommt, sie könnte das Gleichgewicht verlieren. Seiler Graf ist ein ausgeglichenes Wesen, aber heute ist sie aufgekratzt. Sie fragt sich, ob es bei der Delegiertenversammlung nicht doch offene Rechnungen gab, die von den Städtern beglichen wurden, sodass sie nur auf dem neunten Listenplatz landete. «Mist, ich hab vergessen, im Hiltl für den 18. Geburtstag von Philip zu reservieren», fällt ihr ein.

Der Wahlkampf geht allmählich an die Substanz. Sie braucht länger, um einzuschlafen, trinkt Beruhigungstee. Einmal hat sie geträumt, dass sie es schafft. Wenn sie nicht gewählt würde, sagt Priska Seiler Graf, wäre sie schon sehr enttäuscht. Eigentlich hat sie sich vorgenommen, nur dieses eine Mal für den Nationalrat zu kandidieren. Sie lacht auf. «Aber ich kenne mich: Ich weiss, dass ich nochmals kandidieren würde.»
Doch zuerst wird sie am 18. Oktober in das Loch fallen, das nach einem Wahlkampf auf Politiker wartet. «Es ist wie bei Sportlern», sagt Priska Seiler Graf. «Man arbeitet nur auf diesen einen Tag hin. Und plötzlich ist alles vorbei.»

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